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Donnerstag, 7. September 2006

Zum Anfang 1 Buch und 50 Köpfe

In vielen europäischen Ländern und im Angelsächsischen gehören die Biographien einzelner Wissenschaftler und Geistesgrößen so selbstverständlich zur Buch-Kultur wie hierzulande die Berge von Kochbüchern, die ständig erscheinen und durchgekaut werden. Hier indes fand man Biographien insgesamt lange Zeit eher zäh, und während inzwischen publicity-gängig geschönte Lebensläufe von Showgrößen ins Buch geronnen sind, gelten die nicht massenmedial vorverkaufte Vitae, also die Biographien von Künstlern und Wissenschaftlern beispielsweise, als immer unverdaulicher. Kaum erfreulicher ist es da, wenn es von Verlagen unternommen wird, das Wissenswerte und ideengeschichtlich Reizvolle in kleine Häppchen zu zerschneiden und in ausgekochten Sammelwerken als Amuse-Gueules darzureichen: Geschmacklosigkeiten ohne jeglichen Nährwert sind zumeist das Ergebnis.

Der Gerstenberg-Verlag hat in der Reihe Gerstenberg Visuell begonnen, jeweils 50 bedeutende Köpfe zu den verschiedensten Wissensgebieten in einem Band zusammenzustellen. Der thematischen Breite liest man ab, daß neben Erwachsenen auch Jugendliche, neben Lehrern auch Schüler angesprochen werden sollen– von »50 Klassiker COMICS« bis »50 Klassiker FILM«, von 50 Lyrikern bis 50 Gärten, von Erfindungen bis Mythen, von Archäologie bis Paaren reichen die Halbhundertschaften. – Der Gedanke des Rennauto- oder Fußballer-Quartetts kommt einem, zumal wenn man derart schulhofgängige Themen wie »Schiffe« oder »Prozese« aufgeblättert bekommen soll.

Der 1948 geborene Physiker Bernd Schuh, Dozent an der Universität Köln mit Lehrstuhl an der California University in San Diego, hat nun »50 Klassier Naturwissenschaftler / Von Aristoteles bis Crick & Watson« vorgelegt. Und bei näherem Besehen ist das eine erfreuliche, am Ende sogar kurzweilige und spannende Lektüre.

Den Naturwissenschaftlern sind jeweils 2 bis 3 Doppelseiten gewidmet. Auf längere Haupttexte, die jeweils die Zeitgenossenschaft und Vorläufer der Portraitierten darstellen und dann die einzelnen Leben nacherzählen, folgen jeweils kurze, abstract-hafte Zusammenfassungen der wesentlichen Ereignisse und Leistungen. Durch die Sprünge zwischen den sachlich-nüchternen und den erzählerischen Text-Ebenen ist der Band kurzweilig. Das Buch ist, wie die Bände der Reihe insgesamt, clever aus seinem essayistisch-anekdotischen Strang und nachgereichtem »abstract« sowie weiteren Textblocks zu wichtigen Stichworten eines jeden Wissenschaftlers aufgereiht.

Daß nicht kräftiger die schrägen, die schwierigen Vögel der Ideengeschichte bedacht wurden, daß beispielsweise der gesettelte und zweifelsfreie Lord Kelvin, vormals William Thomson, als Finder des Energie-Erhaltungssatzes hergerückt wird statt seines (früheren, dafür weniger entschlossenen) Zeitgenossen Julius Robert Mayer, soll Geschmackssache sein und bleiben. Daß aber die Gelegenheit einer solchen (subjektiven, also der Statistik letztlich enthobenen) Sammlung nicht mehr der noch rückwirkend nachgerade »bedrohten« WissenschaftlerINNEN gedenkt, ist schade; wunderbar und historisch gerecht wäre ein Bild von Rita Levi-Montalcini gewesen, die 1940 in ihrer Turiner Schlafkammer, als Jüdin längst von den Faschisten bedroht, an den Nervenzellen von Hühnerembryonen über den heute im Zusammenhang mit Krebswucherungen höchst bedeutsamen Zelltod erkannte und mit bescheidendsten Mitteln, aber gigantischer Pfiffigkeit und Sturheit erforschte – und etliche andere. Kaum anders denkbar, Marie Curie und Lise Meitner werden auf ihren zähen Wegen in die Männerdomaine gezeichnet, daß daneben die wunderbare Barbara McClintock mit ihren Genforschungen am Mais vorgestellt wird und als eine liebevolle Pflanzenkundlerin und Seelenverwandte des erbsenzählenden Mendel auf tritt, stellt eine der Trouvaillen des Bandes dar.

Der Ermüdung, die sich durch das Abhächeln so vieler Vitae ergeben müßte, ist durch viele Neugierde weckende »Nebensächlichkeiten« gewehrt: Daß der Teleskop-Bauer, Optiker und Astronom Huygens in den 1670er Jahren eine Art Science-Fiction schreibt über Lebewesen auf jenen Planeten, die er selbst eben gerade mit seinem Fernrohr gesehen hat; wie geschäftstüchtig Justus Liebig seine chemischen Forschungen konzipiert hat – derlei Ambitionen und Eigenschaften lassen manchen der fünfzig Köpfe plastischer werden als die vielen beigegebenen Abbildungen.

Diese Abbildungen wirken oft arg jugendbuchhaft, wie aus »Was ist Was« ausgeschnippelt – aber sei’s drum, man wird sich locker machen und da weiterstöbern, wo einzelne der Lebensläufe und -werke einen besonders verlocken.

Hier freilich ist der einzige wirkliche Mangel des Buches beziehungsweise eher der Reihenkonzeption: Die dankenswerterweise eingerückten Weiterlese-Empfehlungen hätten entschieden kühner sein dürfen, hätten wirklich weiter und aus dieser ersten Schnupperebene hinausführen müssen.

Es würde, insgesamt betrachtet, ein Blick über den Canal nach England helfen, wo ein Walter Gratzer einen solchen Bilderbogen von Wissenschaftlern (»Eurekas and Euphorias«) nicht mit der Ambition einer Kanon-Bildung beginnt, sondern aus Lust am Erzählen von Anekdoten. Dabei kämen auch die Eigenwilligkeiten noch mehr in den Vordergrund, würden die unterschiedlichen Motivationen und Ideengänge nachvollziehbarer – und als Herausgeber würde man sich mehr trauen können, seine Bewertungen und seinen kritischen Blick auf die Geschichte durchscheinen zu lassen. Erst derlei macht Wissenschaften lebendig und weckt bei Nicht-Wissenschaftlern die Neugierde dafür. Man kann freilich getrost sagen, daß Herausgeber Bernd Schuh, der im übrigen auch den Band »50 Erfindungen« ediert hat, mit seinen Naturwissenschaftlern das Genre für hiesige Verhältnisse erheblich bereichert, und ihm für seine 50 Köpfe herzlich danken!

50 Klassiker : Naturwissenschaftler
Von Aristoteles bis Crick & Watson
dargestellt von Bernd Schuh
Gerstenberg Visuell
ISBN 3-8067-2550-0
978-3-8067-2550-6
264 Seiten, 19,95 Euro

Zwei Kulturen ...

... damit bezeichnete der Physiker und Schriftsteller C.P. Snow bereits in den 1950er Jahren die Tatsache, daß die beiden Kulturen – Wissenschaften einerseits, die Belletristik andererseits – radikal von einander getrennt sind und leben. Der Brückenschlag zwischen diesen zwei Kulturen war ihm ein zentrales Anliegen. Dieses verfolgt auch die Reihe »Die Wissenschafts-Romane«. Der Dialog mag zu diesem Brückenschlag beitragen.

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